Waren die Wikinger Barbaren? Serie, Chroniken und Tacitus

Der König geht über das Schlachtfeld. Zwischen den toten Wikingern bleibt er stehen und sagt, so furchtbar sähen sie gar nicht aus. Man könnte sie fast für Menschen halten.

So habe ich die Szene aus der Serie Vikings in Erinnerung. Paris, ein blutiger Angriff, der zurückgeschlagen wird. Und ein Satz, der mehr verrät als die ganze Schlacht.

Dieser Beitrag fragt, woher das Bild vom Barbaren kommt und wie gut die Quellen sind, auf denen es steht.

Kurz gesagt: Das Bild der rohen Nordmänner stammt zu großen Teilen von Chronisten, die selbst überfallen wurden. Die Serie Vikings ist historische Fiktion und zieht Ereignisse zusammen. Das Muster, Fremde als roh zu zeichnen, ist älter: Tacitus beschrieb die Germanen, mit Bewunderung und mit Kritik, und er schrieb für römische Leser. Ein neutrales Bild liefert keine dieser Quellen.

Wie ging der Angriff auf Paris wirklich aus?

Die Serie verbindet zwei Ereignisse: den Angriff von 845 und die Belagerung von 885 bis 886. Die World History Encyclopedia spricht von erheblichen Abweichungen von den Fakten. Der Frankenherrscher der Serie ist laut derselben Quelle eine Mischung aus mehreren Karls.

Im Jahr 845 fuhr ein Heer unter einem Anführer namens Reginherus mit etwa 120 Schiffen die Seine hinauf. Nach der Darstellung der Wikipedia waren es mindestens 5.000 Krieger, überwiegend Dänen. Sie erreichten Paris am Ostersonntag, plünderten die Stadt und besetzten sie. Karl der Kahle konnte kein wirksames Heer aufbieten. Er zahlte 7.000 Pfund Edelmetall, umgerechnet gut zweieinhalb Tonnen, damit sie abzogen. Die Summe nennen die Annales Bertiniani.

Es gab also keine zurückgeschlagenen Angreifer, sondern ein bezahltes Abziehen. Im Lager der Wikinger brach eine Seuche aus. Nach der World History Encyclopedia starben mehr Männer an der Ruhr als im Kampf.

Zur Geschichte gehört auch das: Reginherus ließ nach der Überlieferung 111 gefangene Franken auf einer Seine-Insel hängen, als Opfer für Odin und zur Einschüchterung. Das lässt sich nicht wegerzählen. Es geht hier nicht darum, die Wikinger zu verklären. Es geht darum, wer erzählt.

Ob Reginherus mit dem Ragnar der Sagas gleichzusetzen ist, ist eine eigene Frage. Die Antwort steht im Artikel über Ragnarr Loðbrók, die Wahrheit über den legendären Wikingerhelden.

Wer hat das Bild vom Barbaren geschrieben?

Die Angelsächsische Chronik, deren Kern um 892 im Umfeld König Alfreds in Wessex entstand, zeichnet die ersten Wikinger eher als übernatürliche Strafe denn als Menschen. Alkuin, ein Gelehrter am Hof Karls des Großen, beschrieb den Überfall auf Lindisfarne im Jahr 793 entsetzt als Frevel. Beide waren Christen, und beide standen auf der Seite der Überfallenen.

Quelle Wer schrieb Blickwinkel
Angelsächsische Chronik Wessex, Umfeld König Alfreds, Kern um 892 Wikinger als Strafe Gottes
Alkuins Briefe zu Lindisfarne (793) Gelehrter am Hof Karls des Großen Frevel an der Kirche, aber auch Versuche, Verschleppte zurückzuholen
Annales Bertiniani Fränkische Annalen nennen die Lösegeldsumme von Paris 845
Isländische Sagas Jahrhunderte später aufgeschrieben, von Christen Wikinger erzählen von sich selbst, aber spät

Von den Wikingern selbst kennen wir vor allem Runeninschriften. Die großen Erzählungen, die Sagas und die Edda, wurden erst Jahrhunderte später aufgeschrieben. Die Stimme der Nordmänner kommt also meist durch den Filter anderer.

Dieselben Quellen zeigen auch etwas anderes. Alkuin wollte mit Hilfe Karls des Großen verschleppte Jugendliche zurückholen, das setzt Verhandlungswege voraus. Ein päpstlicher Gesandter kam 809 gegen Lösegeld frei, vermutlich nach einer Gefangennahme durch Wikinger. Die Wikinger kamen nicht aus dem Nichts, und sie handelten nicht nur blind.

Auch Namen erzählen vom Alltag hinter dem Klischee. Erik heißt „allein herrschend“, Leif „Erbe“, Björn „Bär“, Ragnar „Ratgeber“. Fünfzig solcher Namen mit Bedeutung stehen in Die 50 schönsten nordischen (Wikinger-) Namen.

Und Tacitus? Das Muster ist älter

Tacitus schrieb die Germania im Jahr 98 n. Chr., rund siebenhundert Jahre vor dem Beginn der Wikingerzeit. Er beschreibt keine Wikinger, sondern germanische Stämme an Roms Grenze. Trotzdem zeigt der Text, wie das Muster funktioniert.

Der Altphilologe Christopher Krebs nennt die Germania eine „politische Ethnographie“ und hält es für unwahrscheinlich, dass Tacitus die Region selbst bereist hat. Er stützte sich auf Schriften und auf Berichte von Reisenden und Soldaten. Er lobt Freiheitsliebe und Tapferkeit der Germanen und kritisiert Teile ihrer Sitten. Und er schreibt für Römer: Die Germanen sind auch ein Gegenbild zur römischen Ordnung.

Der Fremde wird zum Spiegel. Bei Tacitus hält er Rom die eigene Unordnung vor. Bei den Chronisten ist er die Strafe Gottes. In der Serie ist er der Gegner, den jede Staffel braucht. Wer die Nordmänner heute zu edlen Urkriegern verklärt, macht denselben Schritt, nur in die andere Richtung.

Wie weit ein solcher Spiegel getragen werden kann, zeigt die Wirkungsgeschichte der Germania. Humanisten des 16. Jahrhunderts, Nationalisten des 19. Jahrhunderts und später die Nationalsozialisten beriefen sich auf den Text, so Krebs.

Was hat die Serie damit zu tun?

Vikings ist historische Fiktion. Die World History Encyclopedia schreibt, die Serie wolle unterhalten, nicht belehren, und verdichte Ereignisse. Das Dorf Kattegat hat es nie gegeben, und Ragnar Lothbrok hat wahrscheinlich nicht so existiert, wie die Serie ihn zeigt. Dieselbe Quelle lobt, dass die Serie Millionen Zuschauer für europäische Geschichte und für die Wikingerzeit interessiert hat.

Eine Serie braucht Gegner, und Gegner brauchen Fallhöhe. Das Bemerkenswerte an der Szene ist, dass sie das Muster selbst vorführt. Der König braucht tote Körper, um im Feind einen Menschen zu sehen.

Wer sich ein Bild von den Männern machen will, die wirklich in den Quellen stehen, findet es im Artikel über die legendären Krieger der Wikinger und Germanenstämme. Und wie sie fuhren, steht auf der Seite zum Drachenboot.

Wir haben das Klischee einmal beim Wort genommen und mit einem Augenzwinkern aufs Shirt gebracht: Böser, Alter Wikinger!

Der König brauchte Tote, um in den Wikingern Menschen zu sehen. Wir brauchen nur die Frage, wer über sie geschrieben hat.

Häufige Fragen

Waren Wikinger grausam?

Gewalt war real: Bei Paris 845 ließ Reginherus nach der Überlieferung 111 gefangene Franken hängen. Das Bild vom Barbaren stammt aber überwiegend von Christen, die überfallen wurden. Dieselben Quellen zeigen Verhandlungen, Lösegeld und Abkommen mit lokalen Machthabern.

Haben die Wikinger Paris erobert?

845 ja: Sie plünderten und besetzten die Stadt und zogen erst ab, als Karl der Kahle 7.000 Pfund Edelmetall zahlte. Bei der Belagerung 885 bis 886 konnten sie die Mauern nicht durchbrechen, Graf Odo verteidigte die Stadt.

Wie genau ist die Serie Vikings?

Sie ist historische Fiktion. Ereignisse werden zusammengezogen und verändert, Figuren sind Mischungen. Kattegat hat es nie gegeben.

Wer war der berühmteste Wikinger aller Zeiten?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Am bekanntesten ist heute Ragnar Lothbrok, doch ob und wie er gelebt hat, ist unsicher. Weitere bekannte Namen sind Ivar der Knochenlose, Leif Eriksson, der um das Jahr 1000 Nordamerika erreichte, und Harald Blauzahn, nach dem Bluetooth benannt ist. Mehr steht im Artikel über die legendären Krieger der Wikinger und Germanenstämme.

Welches Volk stammt von den Wikingern ab?

Bekanntestes Beispiel sind die Normannen: Wikinger unter Rollo erhielten 911 das Gebiet, aus dem die Normandie wurde. Ein eigenes Volk namens „Wikinger“ gab es nicht. Nachfahren der Nordmänner leben auch in Skandinavien.

Gibt es heute noch echte Wikinger?

Nach gängiger Lesart bezeichnet „Wikinger“ eine Tätigkeit, nämlich Fahrten über See, oft mit Raubzügen, und kein Volk. Die Wikingerzeit gilt mit dem 11. Jahrhundert als beendet. Heute gibt es Nachfahren in Skandinavien und Menschen, die die Zeit als Darstellung nachleben.

Zuletzt geprüft: Oktober 2026

Quellen

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