Sie wissen, wie es endet.
Das ist das Erste, was man über die Asen verstehen muss. Ragnarök ist keine Überraschung, kein Unfall, keine vermeidbare Katastrophe. Die Asen kennen die Prophezeiung. Sie kennen die Namen derer, die sie töten werden. Und sie bereiten sich trotzdem vor – täglich, seit Anbeginn der Welt.
Das ist keine Niederlage auf Raten. Das ist Haltung.
Wer die Asen sind – und wie sie an die Macht kamen
Die Asen sind das jüngere der beiden nordischen Göttergeschlechter. Das ältere sind die Wanen – Götter der Fruchtbarkeit, des Wohlstands, der Erde. Zwischen beiden lag ein Krieg, der keiner gewinnen konnte. Er endete mit einem Friedensschluss und einem Austausch von Geiseln: Njörðr, Freyr und Freyja zogen nach Asgard, dem Sitz der Asen. Aus Feinden wurden Hausgenossen.
Das ist kein Detail am Rand. Es zeigt, wie die nordische Götterwelt aufgebaut ist: nicht als perfekte Hierarchie, sondern als ausgehandelte Ordnung. Eine, die funktioniert – bis sie es nicht mehr tut.
In der Prosa-Edda, aufgezeichnet von Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert, zählen zwölf Götter zum Kern der Asen. Sie herrschen über Asgard, wachen über Midgard und halten Yggdrasil, den Weltenbaum, im Gleichgewicht. Aber sie sind nicht unsterblich. Ohne die Äpfel der Göttin Idun altern sie, werden grau und schwach. Die Götter der nordischen Mythologie hängen an einer einzigen Göttin – und das weiß jeder, der sie bedrohen will.
Zwölf Götter, zwölf Opfer
Odin, Allvater und oberster der Asen, hat ein Auge am Brunnen Mímirs gelassen – für einen Schluck Weisheit. Er hing neun Tage und Nächte am Weltenbaum, sich selbst geopfert, um die Runen zu erlangen. Seine Raben Huginn und Muninn – Gedanke und Erinnerung – fliegen jeden Morgen in die Welt. Er wartet abends, ob sie zurückkommen.
Thor, Sohn Odins, ist nicht nur der Donnergott. Er ist die Grenze. Mit Mjölnir hält er Jötunheim in Schach, das Reich der Riesen. Dass er selbst Riesinnentöchter gezeugt hat, macht das nicht einfacher.
Tyr hat seine rechte Hand in den Rachen des Fenriswolfes gelegt – als Pfand, damit Fenrir sich fesseln ließ. Er wusste was passiert. Er hat es trotzdem getan. Er ist noch immer der Gott der Gerechtigkeit.
Frigg, Odins Frau, kennt das Schicksal aller Wesen – und schweigt. Nicht aus Schwäche. Aus dem Wissen, was es bedeutet, wenn das Unabänderliche ausgesprochen wird.
Balder ist der Hellste. Geliebt von allen, außer einem. Loki findet den Weg: Mistel, ein blinder Bruder, ein Moment der Sorglosigkeit. Balder stirbt, Asgard wird dunkler. Er kehrt erst nach Ragnarök zurück.
Loki ist Blutsbruder Odins und das Risiko in der Ordnung. Vater des Fenriswolfes, der Midgardschlange Jörmungandr und Hels, der Herrscherin der Toten. Er löst Probleme und erzeugt größere. Bis er aufhört, sie zu lösen.
Heimdall schläft nie. Er wacht an Bifröst, hört Gras wachsen und Wolle wachsen. Das Gjallarhorn liegt bereit. Er weiß wofür.
Idun bewahrt die Äpfel, die die Götter jung halten. Als Loki sie einmal entführen ließ, wurden die Asen sichtbar sterblich – grau, langsam, schwach. Sie wurde zurückgeholt. Aber die Götter haben es nicht vergessen.
Bragi, Gott der Dichtkunst, ist das Gedächtnis der Asen in Sprache. Was nicht erzählt wird, stirbt doppelt.
Höðr ist blind. Er tötet Balder, gelenkt von Loki, ohne es zu wissen. Die Edda gibt ihm keine Entschuldigung. Sie braucht keine.
Vili und Vé, Odins Brüder, stehen am Anfang. Aus dem Körper des Urriesen Ymir erschufen die drei die Welt: Knochen zu Felsen, Blut zu Meer, Schädel zu Himmelsgewölbe. Danach treten sie zurück. Odin bleibt.
Was die Asen von anderen Göttern unterscheidet
Griechische Götter sind unverwundbar und launisch. Ägyptische Götter sind Prinzipien, unveränderlich und fern.
Die Asen sind sterblich. Sie brauchen Iduns Äpfel, um nicht zu altern. Sie können getötet werden – und bei Ragnarök werden die meisten es. Thor stirbt am Gift der Midgardschlange. Odin wird von Fenrir verschluckt. Heimdall und Loki töten sich gegenseitig.
Das ist keine Schwäche in der Mythologie. Das ist ihr Kern. Götter, die verlieren können – und trotzdem jeden Tag antreten. Das spricht eine andere Sprache als Olymp oder Heliopolis. Es spricht die Sprache desjenigen, der weiß dass er verliert, und trotzdem aufsteht.
Tiefer in die Welt der Asen
Wer die Asen verstehen will, kommt an zwei Konzepten nicht vorbei. Die Fylgja – der persönliche Schutzgeist – zeigt, wie nah die Götterwelt an jedem einzelnen Menschen hing. Und die Valkyrien, Odins Auswählerinnen der Gefallenen, erklären warum Ragnarök für die Asen kein Ende ist, sondern ein Ergebnis.
Die nordische Mythologie ist seit 2008 das Fundament von Nordmark – nicht als Klischeemasse, sondern als Quelle. Was daraus wird, siehst du in der Kollektion Nordische Mythologie.
Die Asen werden fallen. Das steht fest. Was bleibt, ist wie sie bis dahin gelebt haben.
Häufige Fragen zu den Asen
Wie heißen die 12 Asen? Odin, Thor, Frigg, Balder, Tyr, Heimdall, Bragi, Idun, Loki, Höðr, Vili und Vé. Snorri Sturluson nennt diese zwölf in der Prosa-Edda als Hauptgötter – wobei Loki eine Sonderrolle einnimmt. Er gehört formal dazu, aber er arbeitet von Anfang an daran, das zu beenden.
Was bedeutet das Wort Asen? Áss im Altnordischen, Plural Æsir. Die wahrscheinlichste Bedeutung: einfach „Gott". Eine ältere Theorie leitet das Wort von Pfahlidolen ab – Götterpfählen, die an Kultstätten aufgestellt wurden. Inschriftlich belegt ist der Begriff erstmals im 2. Jahrhundert auf einem Runenfund aus Dänemark.
Was essen die Asen? Odin isst gar nichts. Er trinkt ausschließlich Wein – und gibt sein Mahl täglich an seine beiden Wölfe weiter. Was die übrigen Asen jung hält, sind Iduns Äpfel. Ohne sie altern selbst Odin und Thor sichtbar. Die Geschichte, in der Loki Idun entführen lässt und die Götter innerhalb weniger Tage grau werden, ist eine der dunkleren Erzählungen der Edda.
Wo leben die Asen? In Asgard, der höchsten der neun Welten. Verbunden mit Midgard – der Welt der Menschen – durch Bifröst, die Regenbogenbrücke. Heimdall wacht dort. Wer uneingeladen kommt, bemerkt das nicht zweimal.
Primärquelle: Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Gylfaginning), ca. 1220. Für deutschsprachige Ausgaben empfiehlt sich die Reclam-Bibliothek. Englischsprachige Quellenarbeit: hurstwic.org