Die Sippe bezeichnet in der alten nordischen und germanischen Welt mehr als nur „Familie“. Sie war Herkunft, Schutzraum, Identität und spirituelle Verankerung zugleich. Eine Sippe bestand aus mehreren miteinander verwandten Familienlinien, oft über Generationen hinweg, verbunden durch Blut, Ehre und gemeinsame Verpflichtungen. Wer seine Sippe verriet, verlor alles – wer für sie einstand, gewann seinen Platz in der Geschichte.
Was ist eine Sippe?
Im Kern ist die Sippe ein erweiterter Familienverband. Dazu gehörten:
- Eltern, Kinder und Geschwister
- Onkel, Tanten, Cousins und entferntere Verwandte
- Alle Personen, die durch Eid, Pflicht oder Vergeltung aneinander gebunden waren
Die Sippe war eine soziale Einheit, innerhalb derer Recht gesprochen, Streit geschlichtet, Besitz vererbt und Blutrache geübt wurde. Einzelne existierten nicht losgelöst – sie waren immer Teil eines größeren Gefüges.
Sippe bei den germanischen Stämmen
Für die germanischen Stämme war die Sippe die grundlegende Organisationsform der Gesellschaft. Sie bestimmte:
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Recht und Ordnung:
Blutrache und Sühnegeld (Wergeld) wurden über die Sippe geregelt. Nicht der Einzelne, sondern der ganze Verband trug Verantwortung.
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Macht und Ansehen:
Große Sippen bestimmten die Politik. Ihre Häuptlinge führten sie in Verhandlungen und Kriege.
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Land und Besitz:
Boden gehörte oft nicht einer Person, sondern der Sippe als Ganzes. Entscheidungen über Nutzung und Weitergabe waren gemeinschaftlich.
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Religiöse Pflichten:
Auch Opferfeste und Rituale waren häufig sippenbezogen; die Ahnen spielten eine zentrale Rolle.
Kurz: Die germanische Welt war ohne Sippe nicht denkbar. Sie war der Rahmen, in dem das Leben stattfand.
Sippe in der Wikingerzeit
Die Gesellschaft der Wikingerzeit (8.–11. Jahrhundert) baute auf germanischen Strukturen auf, hatte sich aber weiterentwickelt.
Wichtige Unterschiede:
| Bereich | Germanische Stämme | Wikingerzeit |
|---|---|---|
| Struktur | Sippenverbände als Hauptorganisation | Starke Sippen, aber ergänzt durch Jarltümer, Höfe und Thing-Gemeinschaften |
| Geographie | Festländisch, oft sesshaft | Küstenregionen, Inseln, Seefahrt, Siedlungsgründungen |
| Recht | Sippenhaft stark ausgeprägt | Stärker formalisiertes Rechtssystem mit Regionen (Gulaþing, Frostaþing) |
| Mobilität | Regional verwurzelt | Hohe Mobilität: Handel, Raubzüge, Exploration |
| Identität | Stamm + Sippe | Hof + Sippe + Gefolgschaft |
Die Sippe blieb bedeutend – Namen wie „Erikssøn“ oder „Gudmundardóttir“ zeigen die Bedeutung der Linie. Aber neue Faktoren wie persönlicher Ruf, Erfolg auf See und Bündnisse mit Gefolgsleuten ergänzten die alte Struktur.
Welche Rolle spielte die Sippe in der Götterwelt?
Auch die nordische Mythologie ist zutiefst von sippenartigen Strukturen durchzogen.
1. Die Asen als Familiensippe
Die Asen sind im Kern eine große göttliche Sippe.
Odin ist Allvater, nicht nur im Sinne von „mächtigster Gott“, sondern als tatsächlicher Ahnherr einer weitverzweigten Linie:
- Odin
- Thor
- Baldr
- Hödur
- Váli
- Vidarr
- u. v. m.
Diese göttliche Sippe spiegelt den Aufbau menschlicher Gemeinschaften: patriarchal, von Ehre bestimmt und durch Konflikte geformt.
2. Die Vanen als zweite Göttersippe
Die Vanir (Vanen) sind ebenfalls eine Sippe – allerdings eine mit anderen kulturellen Werten.
Sie steht für Fruchtbarkeit, Frieden, Naturkräfte und Wohlstand.
Der Asen-Vanen-Krieg ist im Kern ein Konflikt zweier großer Sippen, der durch Austausch von Geiseln beendet wird. Diese „Aufnahme“ von Njörd, Freyr und Freyja durch die Asen ist ein mythologisches Abbild dessen, was auch bei Menschen üblich war: Sippen erweiterten sich durch Bündnisse, Adoption und Eide.
3. Blutsbanden bei Göttern
Blut und Herkunft spielen auch unter Göttern eine entscheidende Rolle:
- Lokis Mischblut führt zu Chaos (Fenrir, Hel, Jörmungandr)
- Geschwisterbande begründen Loyalität (Freyr und Freyja)
- Ahnenreihen schaffen Legitimation (Odins Abstammung von Borr und Bestla)
Die Mythologie spiegelt die gesellschaftliche Realität: Wer du bist, wird durch deine Sippe bestimmt – sogar im Göttlichen.
Sippe und Ehre
Ehre (drengskapr) war untrennbar mit der Sippe verbunden. Eine Tat konnte Ruhm bringen – oder Schande über alle Angehörigen. Deshalb waren Rituale wie Blutrache oder Sühnegeld nicht nur persönliche, sondern sippenbezogene Entscheidungen.
Ein Einzelner handelt nie nur für sich.
Er handelt immer im Namen seiner Sippe – auch im Jenseits, wo die Ahnen wachen.
Warum ist die Sippe heute noch ein Schlüsselbegriff?
Moderne Gesellschaften betonen Individualismus. Doch im kulturellen Gedächtnis Nord- und Mitteleuropas lebt die Idee der Sippe fort:
- in Familiennamen
- in regionalen Traditionen
- in Mythologie, Sagen und Heldendichtung
- in der Art, wie Clans in Filmen und Literatur dargestellt werden
Der Begriff öffnet ein Tor zum Verständnis der alten Welt – und zu den Wurzeln unserer eigenen Kultur.